Thunfischquiche


Schon am Tag vorher habe ich mich auf den Abend gefreut, meine gut gelaunte Freundin wiederzutreffen. Ich würde sie in ihrer Wohnung besuchen, sie würde die Tür öffnen, lächeln und mich umarmen. Mit Gewissheit würde sie "Na?" fragen, und ich antwortete mit einer Gegenfrage:"Wie geht's?" Womit ich nun wirklich nicht gerechnet hatte war, das sie eine Thunfischquiche für uns vorbereitet hatte.

Gemeinsam gingen wir in die Küche, ich zu dem Platz am Tisch, wo ich meistens saß, und sie wandte mir den Rücken zu und holte den Quicheteig aus dem Kühlschrank. Soeben hatte sie den Belag hergestellt. Sie schimpfte, daß das Rezept sagte, man solle den gekneteten Teig im Kühlschrank ruhen lassen, denn er ließ sich gar nicht mehr kneten. Es gab die Möglichkeit, ihn im vorgeheitzten Backofen etwas zu erwärmen oder in der Microwelle. Bei Gelegenheit würde ich mir erklären lassen, wie eine Microwelle funktioniert. U. jedenfalls wählte die Microwelle, hatte dann aber trotzdem noch Mühe, den Teig in der weißen Form zu verteilen. Derweil trank ich eine große Tasse Carokaffee mit Milch. Die Küche war klein und gemütlich, in einem mittleren Holzton gehalten, und der Boden und die Ablagen schön reinlich. Das Neonlicht, das unter den Hängeschränken angebracht war, spiegelte sich in den glänzenden Metallgittern vom Backofen und auf der Ceranplatte. Ich weiß gar nicht mehr, worüber wir uns unterhielten, aber das war auch gar nicht so wichtig. Wir hatten beide großen Hunger und freuten uns auf die Quiche. Ich glaube, die Gespräche drehten sich sehr um verschiedene Rezepte, die ich nun gar nicht alle erinnern kann, waren aber nur Vorfreude auf das nun schon im Backofen garende Gericht. Auf der Ceranplatte stand auch ein Teller mit selbstgemachten Amerikanern, den U. für sich und die Nachbarin am Nachmittag gebacken hatte. Während ich überlegte, ob ich noch einen Amerikaner vor dem Essen probieren sollte oder lieber nach dem Essen, kam mir die Idee, doch einfach einen mitzunehmen. Danach wirst Du keinen gekauften Amerikaner mehr essen, betonte meine Freundin. Sie hatte das Rezept noch in ihrer Realschulzeit kennengelernt. Ich hatte geplant, ihn mit nach Hause zu nehmen und am nächsten Morgen zum Frühstück zu essen, doch bis zum Mittagessen des nächsten Tages hatte ich keinen Hunger, und nicht einmal zu der Mahlzeit.

Fast hätte U. vergessen, unter die Thunfischmasse, die übrigens mit zwei Dosen Thunfisch gemacht wurde, und auf den Teig mit 125 Gramm Butter, die Tomatenscheiben zu legen. Aber im Winter, so finde ich, schmecken die Tomaten sowieso nicht so gut. Als die Quiche fertig ist, gibt U. jeder von uns ein Achtel, und wir trinken Wasser und Schorle dazu. Sie ist sehr heiß, aber trotzdem essen wir schnell. Zwar war dies schon meine zweite warme Hauptmahlzeit am Tage und ich hatte auch schon 2 Toast mit Honig zu Abend gegessen, aber ich hatte immer noch Hunger. Zuweil passiert das im Winter. Ich habe auch schon zugenommen, aber das ist nicht so schlimm. Meine Freundin sagte, daß sie immer etwas mehr Salz an den Quicheteig tut als im Rezept angegeben, und ich bestätigte ihr, daß ich das ebenfalls tue. Dann hat die Mahlzeit mehr Geschmack. Nachdem wir über Essen geredet und das Achtel verspeist hatten, fragte U., ob ich noch ein Stück wolle. Natürlich nahm ich, und U. griff auch noch einmal zu. Auch betrachtete ich ganz kurz die Figur meiner Freundin, während sie mit dem Rücken zu mir stand und die Quiche auffüllte und sagte mir, wenn meine Freundin so schlank ist und zwei Stücke ißt, dann kann ich das auch tun. Als wir die letzten Bissen vom Teller verspeisten, hatte ich so ganz nebenbei erfahren, wie der Grundriß des kleinen Hauses aussieht, in das U. ziehen wird, daß sie einen kleinen Garten ohne Hühner haben wird und das sie sich einen neuen Freundeskreis auf dem Land aufbauen muß und vielleicht viel mehr allein sein wird. Daß sie einen Sportverein suchen wird und daß die alte Einbauküche für das Häuschen verändert werden muß. Daß sie sich ein neues Betriebssystem für ihren PC hat einbauen lassen und dafür ihrem Bekannten ein hervorragendes Fondue machen wird mit vielen Fleischsorten und vielen Soßen, davon auch einige selbst kreiert. Und immer wieder werfe ich einen Blick auf die Amerikaner, wie sie da so schön auf dem Teller liegen. Und immer wieder sagt sie, daß ich keine gekauften mehr essen werde später. Ich bekomme auch einen mit und will mich noch gar nicht verabschieden. Aber es ist schon so spät und U. will noch zu ihrem Freund. Während ich herausfinde, wann eine Straßenbahn fährt, macht U. den Abwasch und beendet so den Abend. Aufgewärmt verlasse ich das Haus in die kühle Nacht hinein.


Zurück zu Gedichte und Geschichten        Zurück zur Startseite